Lauf-KulTour 2012 – ein Nachbericht.

Chemnitz im September 2012. Wir haben sie gefunden - Die zwölf Läufer, die in diesem Jahr zur sechsten Umrundung Deutschlands zu Fuß antreten wollen. Dazu kommen sieben Radbegleiter, inklusive einer Kamerafrau, die den Läufern in ihrem großen Vorhaben beistehen und zum Erreichen des großen Zieles beitragen. o-motion, Sigma, thoni maraObwohl der große Weg von 4000 Kilometern noch vor uns liegt, haben wir doch schon viele Hürden überwinden müssen. Unzählige Trainingskilometer, E-Mails, Gespräche, Sponsorenanfragen, organisatorische Tätigkeiten liegen bereits hinter uns. Nachdem die erneute Durchführung einer Lauf-KulTour im März aufgrund von finanziellen Ungewissheiten arg am seidenen Faden hing, konnten wir durch die Zusage der Stadt Chemnitz, als größter Unterstützer der Tour, unser Vorhaben angehen. Wir begaben uns auf die Suche nach zwölf neuen Gesichtern. Nach einigen Flyeraktionen und einer Infoveranstaltung im April blickten wir auf einen Läuferpool von ca. 30 Studenten. Lauftreffs, Bergläufe, Leistungsdiagnostiken und die Teilnahme an verschiedenen Laufwettbewerben engten den Kreis der entschlossenen Läufer bis Mitte August auf etwa die Hälfte ein. Daraufhin entschieden wir uns für die zwölf Beinpaare, die sich in diesem Jahr der Herausforderung der Deutschlandumrundung stellen sollten. Wir sind froh erneut so viele Unterstützer und Freunde für unser Projekt gefunden zu haben, die uns die Umsetzung erst ermöglichen, damit eine Lauf-KulTour zu dem wird, was sie auch sein soll: Eine bleibende Erfahrung und ein Reifeprozess für die Teilnehmer. Alles im Rahmen einer einmaligen Tour, die das Ganze auch noch mit etwas Gutem verbindet. Weg vom Schreibtisch, ein Abenteuer ruft. Ein Ziel, klarer kaum zu formulieren, welches Disziplin, Investition und Kreativität verlangt. Einzutauschen gegen unzählige Eindrücke, die jeder Teilnehmer am Ende wie Schätze in sich wahren wird. img_1852Also gingen wir am 5. September, eingekleidet von thoni mara, endlich in die Spur. Gemeinsam drehte das Team der Lauf-KulTour beim Chemnitzer Firmenlauf noch eine knapp 5 Kilometer lange Abschiedsrunde durch die Stadt, um sich dann 19.10Uhr auf die große Umrundung Deutschlands zu begeben. Genau richtig, denn die zwölf Läufer verlangten spürbar nach Bewegung. Die Zeit war nach der langen Vorbereitung reif. Die Früchte der Mühen wollten in den kommenden 16 Tagen geerntet werden. Merklich fällt nach dem Start eine Last ab – komisch, da es ja jetzt erst so richtig ernst wird. Aber es ist auch so, dass es jetzt kein Zurück mehr gibt. Nur noch eine Richtung. Und alles was jetzt passiert, verlangt nach spontanen Lösungen und unterliegt keinen ewigen Überlegungen. Spannend und herausfordernd zugleich. Unser Weg um die Republik erfolgte dieses Jahr im Uhrzeigersinn. Eine leicht veränderte Streckenführung beim und nach dem Verlassen von Chemnitz führt gleich zu einigen Navigationsproblemen. Private Grundstücke oder Zäune sorgen zu Beginn für eine Verzögerung von etwa einer Stunde. Doch kein Problem, noch ist genügend Spielraum um solche Unpässlichkeiten zu retuschieren. Dank der racemap können sich gewillte Begleiter jederzeit über unseren derzeitigen Durchlaufpunkt informieren und auf der Strecke zu uns stoßen. Zusätzlich macht uns am Anfang der Tour vor allem die Technik zu schaffen. Spannungswandler geben reihenweise den Dienst auf, Navigationsgeräte für die Busse finden keine Straßen und die GPS-Geräte der Radbegleiter führen uns auf Abwege. In der Summe haben wir nach weniger als 24 Stunden nach dem Start schon einen Rückstand von über 4 Stunden gegenüber der Zeitkalkulation zu verbuchen. Das Vogtland, ein an sich schweres Terrain während der Tour, wäre damit aber auch abgehakt. img_2199-800x534Wir setzen nun auf die flachen Radwege an Donau und Isar. Der Plan ging auf und der Rückstand konnte um über die Hälfte dezimiert werden, um damit hinter München nun den Weg über die Alpen anzutreten. Prächtiges Wetter, Walchen- und Bodensee sowie außergewöhnlich schöne Landschaften sorgen für eine ausgewogene Stimmung im Team. Aufgrund der räumlichen Nähe zueinander lernen wir uns alle näher kennen. Ob gewollt oder ungewollt – das gehört zur Lauf-KulTour dazu und macht einen gewissen Reiz aus. Ebenso wie der Schlafentzug (respektive „Lauf-KulTour-Jetlag“ genannt), der in den ersten Tagen stark an uns nagt. Den gezuckerten Urwald-Tee suchen einige in den Alpen vergeblich. Die Berge lassen wir mit der Ankunft in Freiburg am Tag sechs offiziell hinter uns. Auch die Technik zeigt sich von nun an gefügig. Mit der hiesigen UNICEF-AG haben wir vor Ort ein Treffen. Immerhin spenden wir pro Begleiter unseres aktuellen Läufers einen Euro an das UNICEF-Projekt „Schulen für Afrika“. Wir möchten dabei eine Portion unserer Bildungssonderstellung nutzen, um sie mit jungen Kindern in Afrika zu teilen. Wahrscheinlich ein Tropfen auf den heißen Stein, da das Problem mit Spendengeldern nicht an der Wurzel gepackt wird. Wir leben zu häufig auf Kosten der dritten Welt. Nur wenn wir uns alle persönlich in unserem Verhalten einschränken, die Politik von einer zweigleisigen Politik Abstand nimmt und das Bildungsniveau in anderen Ländern gestärkt wird, ist eine Lösung möglich. Die Lauf-KulTour kann im Rahmen ihrer Möglichkeiten über die Problematik informieren, handeln muss am Ende jedoch jeder selbst. img_2496-800x534Wir folgen nun dem Rhein. Das dazugehörige Rheintal beeindruckt uns optisch. Problematisch ist nur, dass wir trotz des recht einfachen und flachen Streckenverlaufs wieder Zeit auf unsere Kalkulation verlieren. Ursache sind zu viele unglückliche Fehler beim Läuferwechsel. Wir passieren Stadt um Stadt – Koblenz, Bonn, Köln, Leverkusen, Düsseldorf, Duisburg, Dortmund, Bochum, Münster – und müssen uns vorerst nach 2000 Kilometern mit einem Rückstand von ca. 3,5 Stunden zufrieden geben. Auch wenn es hier und da bei einigen Läufern mittlerweile so stark zwickt, das wir zeitweilig Ausfälle zu verbuchen haben, ist das Team motiviert. Alle wissen, dass wir soeben gemeinsam eine einmalig schöne Zeit erleben. Und das motiviert! In Niedersachsen schmilzt der Vorsprung plötzlich so schnell wie ein BumBum-Eis im Hochofen. Wir sehen da einen klaren Zusammenhang zwischen der ausgiebigen Verköstigung und Bewirtung des gesamten Teams von Familie Groenewold in Emden und unserer anschließenden gesteigerten Lauf- und Wechselleistung. Wir begrüßen hiermit den Zeitvorsprung und den Nordseedeich zugleich. Letzterer verzückt uns in der Nacht mit Wind, Regen und Verlassenheit. Nach Münster werden wir auch in Bremen von der UNICEF-AG begrüßt. Weiter geht es mit einem Pulk an Mitläufern Richtung Hamburg. img_2942-800x534Hinter der Hafenstadt dürfen wir auf einem Bauernhof einkehren und dabei das Grundstück nutzen, um in Ruhe zu essen, zu waschen und zu schlafen. Eine Wohltat, die wieder Energie liefert. In der sich anschließenden Nacht erreichen wir die Ostsee und das lückenlose Einzugsgebiet der Vita-Cola. Unser Energieverbrauch sorgt stets für leere Teller. Im Gegenzug scheint dafür die Sonne, wir alle genießen die letzten Sommertage mit der guten See und fangen dabei langsam an zu realisieren, dass wir uns auf den letzten 1000 Kilometern unserer Reise befinden. Über die Insel Usedom schlagen wir nun den Weg Richtung Brandenburg entlang an der Oder-Neiße-Grenze ein. Die  holprigen Straßen haben eine besondere Auswirkung auf die Fahrwahrnehmung unserer Carado-Busse. Wirklich erheiternd. Ansonsten passiert auf diesem Abschnitt nicht viel, das als spektakulär anzusehen wäre. Die Ruhe vor dem Sturm sozusagen. Tag 16 der Tour - wir erreichen Sachsen. Drei Stunden ist nun unser Vorsprung. Einer redlichen Arbeit und ausgefeilten Krafteinteilung haben wir wohl dieses Ergebnis zu verdanken. Zur Belohnung gibt es an diesem Tag ein letztes gemeinsames großes Mittagsmahl zum 14Uhr-Wechselpunkt. Wir hinterlassen in der letzten Nacht unsere Fußstapfen im Zittauer Gebirge und genießen nun die letzten Kilometer mit reduziertem Tempo in heimatlichen Gefilden, um Chemnitz am Abend rechtzeitig zu erreichen. Die Lauf- und Fahrradbegleiter häufen sich auf den letzten Kilometern. Die Vorfreude auf das Ziel steigt ins unermessliche. Jenes erreichen wir dann um 18Uhr. dsc_0092a-800x589Ein unbeschreiblicher Moment für jeden von uns. Die Wahrnehmung scheint uns allen einen Streich zu spielen, einiges wirkt unecht, aber es ist wahr. Freunde, Familie, Umarmungen, Sekt, Glüchwünsche und vor allem: Ziel erreicht! Begrüßt werden wir vom Rektor der TU Prof. Dr. Arnold van Zyl sowie von der Stadt durch Dr. Urs Luczak, der uns vor allem dafür lobt und dankt mit welcher Eigenverantwortlichkeit und Eigeninitiative wir dieses Projekt mit allen seinen vielen Facetten organisiert haben. Zudem sorgte die UNICEF-AG Chemnitz für die erste regenerative Verköstigung im Ziel. Und somit wäre es vollbracht. Wieder einmal, aber deswegen nicht weniger gut. Jedes Jahr werden wir vor neue Herausforderungen gestellt. Etwas Mut gehört zur Organisation eines solchen Projektes dazu. Die schönste Belohnung ist zu sehen wie 19 verschiedene Menschen 16 Tage lang ununterbrochen an einem Ziel arbeiten. Dieser Gedanke fasziniert. Insgesamt hätten wir uns mehr Mitläufer auf der Strecke gewünscht. Knapp 200 sind es gewesen, auch wenn diese dafür umso mehr Begeisterung für unser Projekt zeigten. Nun heißt es für uns rechnen, um die endgültige Spendensumme für UNICEF zu ermitteln und dann zu übergeben. Das ganze wäre nicht möglich gewesen, wenn uns unsere Unterstützer und Sponsoren nicht das Vertrauen in dieses Vorhaben geschenkt hätten! Vielen Dank dafür. Unglaublich gut.

Es gibt bisher eine Reaktion auf diesen Artikel

  1. Unglaublich gut.
    Die letzten Worte des vermutlich letzten Artikels zur Lauf-KulTour 2012, sollen die ersten dieses Kommentares sein.
    So ist es wohl… und dies nun schon im sechsten Jahr dieses, in jedem Jahr einzigartigen, Projektes!
    Am Anfang war es eine Idee – der Dirk war es, so ist es überliefert, der sich nach einem 100km rund um Jena dachte und sich ausmalte, wie es doch wäre eine „Reise“ um die Republik zu versuchen?!
    Es folgten Überlegungen, Beratschlagungen, Planungen, Akquisen – alles zum Ziel es tatsächlich anzugehen. Und so war es dann auch, man war Teil etwas anfangs „Unvorstellbaren“ und später von etwas, was so ein bisschen ungreifbar war.
    Es wurden daraus dann Jahre (um genau zu sein 4/respektive 4 KulTouren) an denen man persönlich mitwirkte. Die Ideen wuchsen, man versuchte seine Optionen auszuloten und in die Tat umzusetzen.
    Es kamen Rad-KulTour und diverse Plan-KulTouren (Städte- und Schülerwettkämpfe, Bandreisen und Pack-dein-Studium) dazu und man vergrößerte sich. Man wuchs im Geiste und man wuchs im Realen…

    Seit zwei Jahren nunmehr besann man sich aber wieder auf das Wesentliche (vor allem aus strukturellen Gründen). Man hielt kurz inne und vergewisserte sich … ist diese Idee haltbar, kann es eine Fortsetzung geben?!
    Denn die Ideen, wie immer diese auch geartet sein mögen, bedingen starke und enthusiastische Persönlichkeiten.
    Auch wenn der Rahmen 2011/2012 tendenziell wieder ein Stück kleiner wurde, eines bleibt unverkennbar und NUR DAS ZÄHLT – auch diese „Reisen“ wurden real, blieben nicht nur Ideen…

    Was mich fasziniert an der Lauf-KulTour?!
    Es ist die Essenz die da ist. Die Gedanken, Erfahrungen, Ereignisse, Erlebnisse rund um dieses Projekt sind (wenn auch nicht unmittelbar) nicht länger rationaler, sondern emotionaler Art.

    Sie alle sind emotionaler Art, unmittelbar, während der einen, oder anderen KulTour. Es folgt die rationale Verarbeitung, doch es bleibt nicht dabei, nein.
    Alles geht final wieder in die Emotion über.
    Ein Zustand eines kleinen, aber feinen Glückes!

    So steht am Ende diesen Jahres die Hoffnung für weitere, 2013 und eventuell auch weiter.
    Einem jeden Teilnehmer, in welcher Form auch immer, kann ich nur gratulieren und wünschen, dass auch bei ihm aus Ratio Emotion werden möge.

    Ein großes Dankeschön also an all Diejenigen, die diese, „unsere“ Idee der Begründer dieses Vorhabens weiter zur Umsetzung reifen ließen.

    „Gute Nacht“ also Lauf-KulTour 2012,
    und wer weiß, vielleicht gehört der nächste Sonnenaufgang bereits der KulTour von Morgen…

    in diesem Sinne
    ein treuer Gefährte der da sprach
    Carl

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